Müchen Venedig Tag 3

Tag 3 - von Bad Tölz zur Tutzinger Hütte - endlich in den Alpen

Nun endlich sollten wir an diesem Tag die Alpen erreichen. Damit stieg auch die Fotoanzahl dramatisch an. Ich war bei der Vorbereitung dieses Blogbeitrags viele Stunden nur mit der Bildauswahl und Bearbeitung beschäftigt. Es gibt also in den zukünftigen Beiträgen viel mehr Bildmaterial als bisher zu sehen. Vor allem habe ich viele Panoramaaufnahmen erstellt, mit denen ich versuche die Eindrücke so zu vermitteln wie wir sie wahrgenommen haben. Also gut, weiter geht’s jetzt mit Tag 3 …

Ein paar Zahlen:

Die Strecke als Route und als Höhenprofil:

Panoramablick auf die Innenstadt von Bad Tölz
Panoramablick auf die Innenstadt von Bad Tölz mit der Isar im Vordergrund.

Früh am nächsten Tag ging unser Wecker, der richtige diesmal. Wir hatten viel vor und zudem war es der Tag an dem es endlich in die Berge gehen sollte. Als wir beim Wirt klingelten, um zu bezahlen, vergaß ich ganz wie früh es noch war. Erst seinem erschrockenen Blick und der beschwichtigenden Handgeste entnahm ich, dass ich recht laut geredet hatte und das neben der Tür eines Gästezimmers, wo die Bewohner noch tief und friedlich schliefen. Naja zumindest taten sie das vermutlich bis ich voller Elan unseren Wunsch zu zahlen kundtat.

Entlang der Isar sollte es heute bis Lenggries und dann übers Brauneck hoch zur Benediktenwand gehen. 25 km und 1400 Höhenmeter warteten auf uns und wir waren voller Elan, bereit sie zu bewältigen. So zogen wir in der Morgensonne durch Bad Tölz, einen kurzen Zwischenstopp beim Bäcker gönnend, bis wir schon kurz darauf diesen schönen Ort hinter uns ließen. Schade, dass uns unser strammer Zeitplan nicht mehr Zeit ließ, Bad Tölz ein wenig länger zu erkunden. Auch ein Abstecher auf den Kalvarienberg blieb uns aus zeitlichen Gründen leider verwehrt. Einen wundervollen Blick über die Stadt bis hinein ins Karwendel soll man von da oben haben.

Kreuzkirche und Leonhardikapelle auf dem Kalvarienberg
Einer der vielen wunderbaren Blicke auf die Isar
Jogger in der Morgensonne mit Blick aufs Brauneck
Jogger in der Morgensonne mit Blick aufs Brauneck

Auf einer Schotterstraße ging es wieder in den Isarauen weiter den Bergen entgegen. Während anfangs noch kleine glasklare Quellen unseren Weg säumten, verwandelte sich die Landschaft schnell in ein mit kleinen Nadelbäumen bedeckte weite Ebene. Dahinter ragte, schnell näher kommend die Benediktenwand auf und ließ unsere Vorfreude auf die Berge gewaltig anwachsen. Von Zeit zu Zeit überholte uns ein Jogger oder Radfahrer, wie nicht anders an einem so schönen Sonntagmorgen zu erwarten. Ein kleiner Abstecher zum Ufer der Isar, um Klein Kairo zu sehen, folgte. Hier stapelte ein Tölzer Künstler jedes Jahr nach den Frühjahrs-Hochwassern dutzende von Steinpyramiden auf. Doch entweder waren wir am falschen Ort, oder der Künstler widmet sich mittlerweile anderen Tätigkeiten. Auf jeden falls war es nix mit Klein Kairo.

 

 

Nun gut, unverdrossen ging es weiter zum Weg, wo wir kurz darauf an einer Kontrollstelle erfuhren, dass heute der Isarlauf stattfand. Mit fortschreitender Wegstrecke blieb uns dies immer weniger verborgen, da wir immer wieder der Vielzahl an Läufern ausweichen mussten. Die enger werdenden Wege zwangen uns dann des Öfteren stehen zu bleiben, um wieder einen Pulk Läufer passieren zu lassen. Beim Blick in die schweißüberströmten Gesichter geriet unsere Müdigkeit ganz in Vergessenheit. Der stetig größer werdende Strom von Läufern machte uns Sorge, bald gar nicht mehr vorwärts zu kommen.

Die Ebene des Isartals vor dem Brauneck
Die Ebene des Isartals vor dem Brauneck
Arzbach mit dem Brauneck dahinter
Arzbach mit dem Brauneck dahinter - ganz rechts die Benediktenwand
Urige Hütte in Lenggries
Urige Hütte in Lenggries auf dem Weg zur Talstation

Doch bald erreichten wir trotzdem Lenggries. Nach dem Durchqueren der kleinen Ortschaft, kamen wir um halb zwölf schließlich an der Talstation der Brauneckbahn an und somit auch den Einstieg in die Berge. 2 ½ Tage voller unterschiedlichster Eindrücke der Flachlandetappe lagen hinter uns, große Abenteuer in den Bergen vor uns. Jetzt wurde es richtig ernst. Den Vormittag über hatten wir noch überlegt, ob wir wie von manchen empfohlen, den langweiligen Aufstieg aufs Brauneck mit der Seilbahn abkürzen sollten. Die surrenden Elektromotoren der Bahn riefen nach uns, wollten uns zu einem einfachen Aufstieg verlocken. Wir blieben standhaft und entschieden uns dagegen, wollten wir doch den Weg nach Venedig zu Fuß laufen und natürlich später damit angeben. Einer kurzen Brotzeit auf einem Baumstamm folgend begaben wir uns an den Aufstieg. Steil und lang war er und nach anfänglich interessanter Umgebung im Wald wandelte sich der Weg in eine langweile Schotterpiste. So schwitzen wir uns in der warmen Sonne den Berg hoch. Auf halber Strecke liesen wir die Reiseralm mit ihrem Dammwildgehege rechts liegen. Immer wieder gingen unsere Blicke neidisch hoch zu den Gondeln der Brauneckbahn, die ihre Fahrgäste mühelos nach oben beförderten. Ich tröstete mich mit den schönen Ausblicken auf Lenggries und das Isartal. Manchmal hatte ich das Gefühl, die Kühe am Wegesrand grinsten innerlich über die Menschen, die sich hier den Berg hochquälten. So ging es vorbei an den Spuren, den der Wintersport in die schöne Landschaft der Alpen reißt, bis wir endlich um kurz nach 14.00 Uhr die Bergstation erreichten.

Hier müssen wir hoch aufs Brauneck
Hier müssen wir hoch aufs Brauneck - und ewig lockt die Gondel
Fußpause am Brauneck Gipfelhaus
Fußpause am Brauneck Gipfelhaus - riecht ihr was?
Panoramablick von der Brauneck Bergstation
Panoramablick von der Brauneck Bergstation nach Osten

Der atemberaubende Blick in die Berge, aber auch das Flachland ließ uns die Strapazen in kurzer Zeit vergessen. Und wenn es der Ausblick nicht getan hätte, dann doch das schöne alkoholfreie Bier und die Brotzeit. Es blieb sogar noch ein kurzer Moment, die Füße in einem der Liegestühle hoch zu legen, bevor es um 15.00 Uhr weiter ging. Eigentlich schon zu spät bei dem langen Weg, der bis zur Tutzinger Hütte noch vor uns lag.

An dieser Stelle noch ein wichtiger Erfahrungswert. Viele kennen sicherlich die Empfehlung während einer Tour nicht die Schuhe auszuziehen. Grund sollen Probleme sein die aufgequollenen Füße wieder in ihr enges Schuhgefängniss zu bringen. Wir haben auf der Tour ganz andere Erfahrungen gemacht und für uns sogar einen Begriff geprägt – „Fußpause“. Immer wenn es das Wetter zuließ wurden in den Pausen die Schuhe und Socken ausgezogen. So konnten sowohl die strapazierten Füße als auch die Socken abtrocknen und die Gefahr von Blasen verringerte sich. Wir beide hatten auf der gesamten Tour keine Blasen, was vielleicht mit an den „Fußpausen“ lag.

Hier könnt ich ewig bleiben - Mittagspause auf der Brauneck Gipfelhausterasse
Hier könnt ich ewig bleiben - Mittagspause auf der Brauneck Gipfelhausterasse

Auf dieser Panoramaaufnahme, aufgenommen auf dem Gipfelrestaurant der Brauneck Gipfelstation, sieht man hervorragend was noch vor uns liegt. Der Hauptkamm des Karwendels, südlich von uns, erstreckt sich in der Ferne. Über den müssen wir die nächsten Tag durch um ins Inntal zu kommen. Ich habe beide Routen, die wir uns zurecht gelegt haben, eingezeichnet. Zum einen die Orginalroute über den Schlauchkarsattel an der Birkarspitze vorbei. Zum anderen das Lamsenjoch, quasi Plan B, die landschaftlich schönere Umgehung des Schlauchkars, welches oft durch Schnee unpassierbar ist. Die im Buch beschriebne Umgehung des Schlauchkars über Scharnitz wollten wir vermeiden. Ob es mit dem Schlauchkar und der Birkarspitze geklappt hat oder wir die Umgehung gehen mussten erfahrt ihr im übernächsten Kapitel.

Karwendelpanorama
Karwendelpanorama - unsere Tourmöglichkeiten
Eins der wenigen Bildern von Oli und mir gemeinsam
Eins der wenigen Bildern von Oli und mir gemeinsam. Hier auf der Terasse des Gipfelhauses vom Brauneck

Erst ging es über breite, mit Touristen überfüllten, Wegen weiter. Doch schon nach einer kurzen Weile wurde der Weg schmaler und die erste Kletterpartie über einen schmalen Steig führte uns den Berg hoch. Ab hier ging es bis zur Hütte nur noch auf schmalen Pfaden. Die Landschaft war abwechslungsreich und so schritten wir über Wiesen, durch kleine Baumansammlungen und über kleine Grate hoch zu unserem ersten kleine Gipfel. Währenddessen konnten wir den grandiosen Ausblick genießen und sahen unsere bisher zurückgelegte Strecke ameisenklein zu unseren Füßen, ein wahrhaft erhabenes Gefühl beschlich uns. In der Ferne glitzerte der Starnberger See zu uns herauf, als Abschiedsgruß aus der Flachebenen. Besorgt sahen wir die vielen Gedenktafeln am Wegesrand, fast alles Blitzopfer die hier oben ihr Leben ließen. Gut das heute kein Gewitter am Himmel stand. So kamen wir denn um ca. 16 Uhr auf dem „Vorderen Kirchstein“ mit 1670 m Höhe an. Unser erster Gipfel von vielen noch kommenden war erklommen, was für ein Meilenstein. Das Wetter war mittlerweile nicht mehr ganz so schön, blieb aber trocken.

Noch sind die Wege breit und viel begangen
Noch sind die Wege breit und viel begangen - das wird sich bald ändern.
Alex am Gipfelkreuz des Latschenkopf
Alex am Gipfelkreuz des Latschenkopf

Der kühle Wind und die fortgeschrittene Zeit trieben uns weiter zum nächsten Gipfel, der nur wenige Minuten später auf uns wartete, der 1712 m hohe Latschenkopf. Von hier leuchtete uns auch der Walchensee in der Ferne entgegen, dahinter strahlten die schneebedeckten Gipfel des Karwendels zu uns herüber. Schnee das war das Stichwort. War uns doch im Frühjahr der Weg über den Schlauchkar auf die Birkarspitze wegen des zu hohen Restschnees verwehrt, so hatten wir bei einem Anruf kurz vor unserer Tour auf dem Karwendelhaus erfahren, dass das Schlauchkar nun wegen Neuschnees vermutlich nicht begehbar sein wird. Dieser Neuschnee funkelte uns also gerade von dem Gipfel herüber, geradezu neckisch, als wollte er uns ärgern. Noch wollten wir den Schlauchkar aber nicht aufgeben. Das aktuell warme Wetter ließ uns noch hoffen.

Der Walchensee hinter der Benediktenwand
Der Walchensee hinter der Benediktenwand im Abendlicht
Der Walchensee lässt grüssen
Der Walchensee leuchtet in der Spätnachmittagsonne

Ab hier begann auch der wegtechnisch schwierigste Part für heute. Nach einem kurzen Abstieg über einen unwegsamen kleinen Weg kamen wir zum Abzweig zu den Achselköpfle, den wir geplant hatten zu nehmen. Ein ausgesetzter und daher interessanter Weg über diesen Rücken, der sich zwischen dem Latschenkopf und der Benediktenwand spannt. Als wir den Wegweiser um 16.45 Uhr erreichten lagen laut Wegweiser noch 1 ½ Stunden Weg vor uns. Eile war angesagt, da wir leider zu dieser Jahreszeit nicht so lange mit Tageslicht rechnen durften. Der Weg wurde dann auch wirklich anspruchsvoll und kostete damit mehr Zeit. Schmale steinige Wegrinnen zwischen Latschen führten uns auf und ab, zwischendurch gab es dann auch mal zur Abwechslung eine Leiter zu erklimmen. Währenddessen bot sich uns zur Linken ein Bergpanorama im späten Licht und zur Rechten der weite Blick ins Flachland. Mehr Panorama kann man sich einfach nicht wünschen. Und so konnten wir die Strapazen, die dieser Weg unseren müden Knochen abverlangte auch gut verdrängen. Eine witzige Zwangspause ergab sich dann kurz später, als sich ein riesiger Steinbock mitten auf dem Weg breit gemacht hatte. Links und rechts Latschen und Abgründe ließen keine alternative Route zu. So warteten wir erstmal ab, denn wer schon mal einen ausgewachsenen Steinbock live gesehen hat wird verstehen, warum keiner von uns die Lust verspürte, ihn zu verscheuchen. Mit gleichgültigem Blick beobachtete er unsere zögerlichen Versuche durch Näherkommen ihm klar zu machen dass wir hier durch wollten. Nach ein paar Minuten hatte er ein Einsehen, oder vielleicht hatte er auch nur genug Spaß mit uns gehabt und schlich sich von dannen. Der späten Zeit geschuldet hätten wir vielleicht das Fotografieren etwas reduzieren sollen, aber wir konnten bei der Unzahl der traumhaften Motive einfach die Kamera nicht weglegen. Besonders als die Sonne sehr tief stand und ihre roten Strahlen unter der dünnen Wolkendecke zu uns schickte und alles um uns herum rot zu glühen begann. Das sind Momente, da möchte man wirklich die Zeit anhalten, um sie unendlich genießen zu können. Am liebsten hätte ich ein Zelt an Ort und Stelle ausgepackt und die Nacht hier verbracht.

Achselköpfe oder unten rum zur Benediktenwand?
Der anspruchsvollere Weg über die Achselköpfe war unsere Wahl.
Der Rotöhrsattel an der Benediktenwand.
Der Rotöhrsattel an der Benediktenwand. Noch ein kleiner Abstieg bis zur Tutzinger Hütte.

Nach einem letzten schwierigen Abstieg und einfachem Aufstieg kamen wir schließlich zum Rotöhrsattel, von wo wir hofften endlich die Hütte sehen zu können. Die Zeit war weit fortgeschritten und das Licht ließ stark nach. Keiner von uns hatte Lust in der Dunkelheit rumzustolpern. Aber erst als wir ein Stück über den Sattel waren konnten wir zu unserer Erleichterung die Tutzinger Hütte am Fuße der Benediktenwand sehen. Müde kämpften wir uns die letzten 20 Minuten hinunter zur Hütte, wo wir dann kurz vor 19.00 Uhr ankamen. Es war ein wunderbarer Anblick der sich uns bot. Wer das Bild anschaut weiß dass es nicht nur an unserer Müdigkeit lag, dass wir vom Anblick der Hütte begeistert waren.

Da liegt sie, die Tutzinger Hütte
Im letzten Tageslicht sehen wir die Tutzinger Hütte am Fuße der Benediktenwand
Im Abendlicht empfängt uns die Tutzinger Hütte
Endlich geschafft - die Tutzinger Hütte, gehüllt in ein mystisches Licht
Die Milchstrasse über der Benediktenwand
Die Milchstrasse über der Benediktenwand - leider hatte ich kein Stativ dabei.

 

Nach einer Dusche, einem leckeren Mahl und was Anständigem zu trinken erwachten unsere Lebensgeister wieder und so blieb uns sogar noch die Muse, ein paar Sternenhimmelaufnahmen zu machen, bevor wir pünktlich zur Hüttenruhe bleischwer ins Bett fielen.

Wir teilten uns eine Dreimannstube mit einem älteren Einheimischen, ein netter Kerl. Wegen unserer Müdigkeit blieb es aber leider bei einer kurzen Unterhaltung.

Der Sternhimmel an der Tutzinger Hütte
Der Sternhimmel an der Tutzinger Hütte und der Benediktenwand

Hier endet also unser erster Tag in den Bergen. Und was für ein Tag das war. Viel Schweiß mussten wir vergießen, doch belohnt wurden wir mit fantastischen Panorama Ausblicken, zauberhaften Lichtstimmungen und unvergesslichen Erlebnissen.